Wer, wenn nicht wir? Wann, wenn nicht jetzt?
Als 1994 der erste Christopher Street Day in Dresden stattfand, war die Welt eine andere. Der §175 war gerade erst endgültig abgeschafft, von gleichgeschlechtlicher Ehe oder eingetragenen Partnerschaften keine Spur. Queeres Leben fand meist im Verborgenen statt – begleitet von Ausgrenzung, Angst und gesellschaftlicher Ablehnung. HIV galt für viele noch als Todesurteil, und selbst innerhalb der Community war das Bewusstsein für trans*, inter* und queere Realitäten nur schwach ausgeprägt.
Heute, 32 Jahre später, feiern wir den 33. CSD in Dresden. Vieles hat sich verändert: rechtlich, gesellschaftlich, sichtbar. Wir haben gekämpft, gestritten, uns Gehör verschafft – und wir haben Fortschritte erreicht, die lange unmöglich schienen.
Doch dieser Fortschritt ist nicht selbstverständlich. Und er ist nicht sicher. Wie wir nicht zuletzt an den Diskussionen ums Versammlungsrecht sehen.
Was wir lange befürchtet haben, rückt näher: Der politische und gesellschaftliche Wind dreht sich – in Europa, im Bund, in Sachsen und darüber hinaus. Errungenschaften, die über Jahrzehnte erkämpft wurden, geraten wieder unter Druck. Queere Lebensrealitäten werden erneut infrage gestellt, gezielt politisch angegriffen oder unsichtbar gemacht.
Das zeigt: Rechte sind nie garantiert. Sie sind das Ergebnis von Engagement, von Solidarität und von Menschen, die nicht bereit waren, sich zu verstecken. Von Aktivist:innen, Initiativen und CSDs wie unserem, die immer wieder klargemacht haben, worum es geht: um Menschenrechte. Um Würde. Um Sichtbarkeit. Um das Recht, so zu leben, wie wir sind.
Heute stehen wir erneut an einem Punkt, an dem genau das verteidigt werden muss. Die gesellschaftliche Stimmung wird rauer, Unterstützungsstrukturen geraten ins Wanken, und die queere Community wird zunehmend zur Zielscheibe politischer Kampagnen.
Aber wir sind nicht machtlos.
Wir haben etwas entgegenzusetzen: uns. Unsere Gemeinschaft. Unsere Geschichte. Unsere Stimme.
Wir bleiben da. Wir bleiben laut. Wir bleiben sichtbar.
Wann, wenn nicht jetzt? Wer, wenn nicht wir?
Lasst uns gerade dieses Jahr ein extrabuntes, lautes und unübersehbares Zeichen setzen – gegen Gleichgültigkeit und Wegschauen, für Respekt, Sichtbarkeit, Gleichberechtigung, Liebe und Freiheit.
Dafür gibt es den CSD.
Politische Forderungen des CSD Dresden e.V.
vom April 2026
1. Grundrechte stärken: Artikel 3 erweitern
Queere Menschen sind in Deutschland noch immer nicht ausdrücklich im Grundgesetz geschützt. Das ist eine Lücke, die geschlossen werden muss.
Wir fordern die Ergänzung von Artikel 3 des Grundgesetzes um den Schutz sexueller Orientierung und geschlechtlicher Identität.
Denn: Grundrechte müssen für alle gelten – klar, unmissverständlich und einklagbar.
2. Selbstbestimmungsgesetz verteidigen
Das Selbstbestimmungsgesetz ist ein Meilenstein für die Rechte von trans*, inter* und nicht-binären Menschen. Es stärkt Würde, Selbstbestimmung und rechtliche Anerkennung.
Doch dieses Gesetz steht zunehmend unter politischem Druck und wird zur Zielscheibe populistischer Angriffe.
Wir sagen klar: Dieses Gesetz darf nicht zurückgedreht werden.
Wir fordern seine konsequente Umsetzung, seinen Schutz vor politischer Aushöhlung – und eine sachliche, faktenbasierte Debatte statt Stimmungsmache auf dem Rücken von Betroffenen.
3. Schluss mit den Kürzungen
Queere Vereine und Initiativen sind essenziell – für Bildung, Beratung und Schutzräume. Vielfalt darf kein Schlagwort bleiben, sie muss aktiv gefördert werden.
Doch wir erleben derzeit das Gegenteil: Von sächsischen Programmen bis hin zu „Demokratie leben!“ auf Bundesebene wird an queeren Projekten gekürzt.
Diese Einschnitte treffen unsere Community mit voller Wucht. Was über Jahre aufgebaut wurde, droht verloren zu gehen.
Wir fordern: institutionelle Förderung statt unsicherer Projektanträge – und einen sofortigen Stopp der Kürzungen auf Landes- und Bundesebene.
4. Queerpolitik als gemeinsame Aufgabe der Regierung
Queere Belange dürfen nicht von politischer Stimmung oder Koalitionsarithmetik abhängen. Gleichstellung muss Aufgabe aller Ministerien sein – als Querschnittsthema der gesamten Regierung.
Der Landesaktionsplan „Vielfalt“ muss nicht nur gesichert, sondern ausgebaut werden.
Auf Bundesebene müssen die Maßnahmen des Nationalen Aktionsplans „Queer leben“ konsequent fortgeführt und ausgewertet werden.
5. Gesellschaftliche Akzeptanz gezielt stärken
Der Sachsen-Monitor zeigt: Ein Drittel der Menschen in Sachsen hält gleichgeschlechtliche Beziehungen für „unnatürlich“. Selbst unter den unter 30-Jährigen teilt mehr als ein Viertel diese Ansicht.
Besonders alarmierend ist die zunehmende Feindlichkeit gegenüber trans* Personen.
Statt Scheindebatten und Hetzkampagnen braucht es echte Maßnahmen: politische Bildung, Aufklärungskampagnen, klare Haltung gegen Queerfeindlichkeit und die konsequente Sichtbarmachung von Vielfalt – auch in staatlichen Publikationen.
6. Akzeptanz durch Bildung fördern
Schulen und Kitas sind zentrale Orte gesellschaftlicher Prägung. Vielfalt muss dort nicht nur thematisiert, sondern selbstverständlich gelebt werden.
Wir fordern: die verbindliche Verankerung queerer Vielfalt in Lehr- und Bildungsplänen, regelmäßige Projekttage zu Lebens- und Liebensvielfalt und gezielte Aus- und Fortbildungen für Lehrkräfte und Erzieher:innen.
Ziel ist eine Bildung ohne Diskriminierung – und eine Schule, die alle mitdenkt.
7. Sicherheit gewährleisten und CSDs schützen
Queerfeindliche Gewalt ist Realität – ob verbal, psychisch oder körperlich. Sie muss konsequent benannt und bekämpft werden.
Wir fordern: eine konsequente Strafverfolgung queerfeindlicher Übergriffe, die Sensibilisierung von Polizei, Justiz und Verwaltung, sowie sichere Räume für queere Menschen – auch und gerade im ländlichen Raum.
CSDs sind politische Versammlungen und müssen als solche geschützt werden.
Es darf keine No-Go-Areas für queeres Leben geben.
Unser Appell an die Politik:
Wir fordern alle demokratischen Parteien und Abgeordneten auf: Stellt euch an unsere Seite. Sprecht mit uns – nicht über uns. Fördert unsere Arbeit. Verteidigt unsere Rechte.
Denn queere Rechte sind keine Meinungsfrage.
Queere Rechte sind Menschenrechte.
